Die Regale in deutschen Drogerien und Parfümerien sind voller Versprechen: „natürlich“, „clean“, „frei von schädlichen Inhaltsstoffen“, „grüne Formel“. Grüne Verpackungen, Blätter und Blüten auf dem Etikett, das Wort „Nature“ im Markennamen – alles suggeriert Natürlichkeit und Reinheit. Doch wie viel davon ist echt, und wie viel davon ist cleveres Marketing? Willkommen in der komplexen Welt von Clean Beauty vs. Greenwashing.
Was bedeutet „Clean Beauty“ eigentlich?
Zunächst die ernüchternde Wahrheit: „Clean Beauty“ ist kein geschützter oder regulierter Begriff. Es gibt keine einheitliche Definition, kein Gesetz und kein Siegel, das verbindlich festlegt, was ein Produkt als „clean“ qualifiziert. Im Gegensatz zu Begriffen wie „Bio“ oder „Öko“, die in der EU durch die EG-Öko-Verordnung geschützt sind, kann prinzipiell jeder Hersteller sein Produkt als „clean“ bezeichnen.
Im allgemeinen Verständnis steht Clean Beauty für Kosmetik, die:
- Auf potenziell schädliche oder umstrittene Inhaltsstoffe verzichtet
- Transparente INCI-Listen führt und Inhaltsstoffe klar benennt
- Nachhaltig und ethisch produziert wird
- Die Hautgesundheit über kurzfristige kosmetische Effekte stellt
Typischerweise meiden Clean-Beauty-Marken Inhaltsstoffe wie Parabene, synthetische Duftstoffe, Phthalate, Formaldehyd-Abspalter, Mineralöle, Silikone und PEGs. Allerdings gibt es auch hier keine einheitliche „Verbotsliste“ – was die eine Marke als „clean“ betrachtet, kann bei einer anderen durchaus vorkommen.
Was ist Greenwashing?
Greenwashing bezeichnet die Praxis, Produkte oder Unternehmen durch irreführende Marketingkommunikation als umweltfreundlicher oder natürlicher darzustellen, als sie tatsächlich sind. In der Kosmetikbranche ist Greenwashing besonders verbreitet, da das Bewusstsein der Verbraucher für Nachhaltigkeit und Natürlichkeit stark gewachsen ist – und damit auch die Bereitschaft, für vermeintlich grüne Produkte mehr zu bezahlen.
Die häufigsten Greenwashing-Taktiken
1. Das grüne Kleid
Die Verpackung wird in Erdtöne gehüllt, mit Pflanzenillustrationen verziert und aus Karton gefertigt – während das Produkt darin aus synthetischen Inhaltsstoffen besteht. Die visuelle Natürlichkeit der Verpackung hat nichts mit dem Inhalt zu tun, suggeriert dem Käufer aber unbewusst ein „natürliches“ Produkt.
2. Irreführende Claims
Formulierungen wie „mit natürlichen Inhaltsstoffen“ sind rechtlich unproblematisch, aber irreführend: Wenn ein Produkt 30 Inhaltsstoffe enthält, von denen zwei natürlich sind, stimmt der Claim technisch – aber er täuscht. Ebenso irreführend: „Ohne Parabene“ auf einem Produkt, das stattdessen andere umstrittene Konservierungsstoffe wie Methylisothiazolinon enthält.
3. Selbsterfundene Siegel
Manche Marken kreieren eigene „Zertifizierungen“, die offiziell aussehen, aber keiner unabhängigen Prüfung standhalten. Ein grünes Emblem mit der Aufschrift „Dermatologically Tested“ oder „Pure Formula“ klingt vertrauenswürdig, hat aber keinerlei regulatorische Bedeutung.
4. Fokus auf das Unwichtige
Ein Produkt wirbt groß damit, „tierversuchsfrei“ zu sein – was in der EU ohnehin seit 2013 gesetzlich vorgeschrieben ist. Oder es betont lautstark, frei von einem Inhaltsstoff zu sein, der in der jeweiligen Produktkategorie ohnehin nie verwendet wird. Solche Claims schaffen die Illusion einer bewussten Entscheidung, wo eigentlich Standard-Compliance vorliegt.
5. Teilwahrheiten
Eine Marke betont ihren Einsatz von recyceltem Plastik für die Verpackung, verschweigt aber, dass die Formulierung selbst Mikroplastik enthält. Oder sie hebt eine einzelne nachhaltige Initiative hervor, während der Rest der Produktion konventionell und wenig umweltfreundlich abläuft.
Echte Naturkosmetik-Siegel in Deutschland
In Deutschland gibt es glücklicherweise mehrere unabhängige Zertifizierungen, die strenge Kriterien anlegen und von externen Prüfstellen kontrolliert werden. Auf diese Siegel können Sie sich verlassen:
NATRUE
Das internationale NATRUE-Siegel ist eines der strengsten Naturkosmetik-Zertifikate weltweit. Es verlangt einen Mindestanteil an natürlichen und biologischen Inhaltsstoffen und definiert drei Qualitätsstufen: Naturkosmetik, Naturkosmetik mit Bio-Anteil und Biokosmetik. Synthetische Duft- und Farbstoffe, Silikone, Parabene, Erdölderivate und genetisch veränderte Organismen sind verboten. Das Siegel wird von einer Non-Profit-Organisation vergeben und kann nicht erkauft werden.
BDIH (Kontrollierte Naturkosmetik)
Der Bundesverband der Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und kosmetische Mittel vergibt dieses Siegel seit 2001. Es legt strenge Kriterien für die Gewinnung pflanzlicher Rohstoffe fest, verbietet Tierversuche und schließt synthetische Farbstoffe, Duftstoffe und Erdölderivate aus. Viele bekannte deutsche Naturkosmetikmarken tragen das BDIH-Siegel.
COSMOS (COSMOS ORGANIC / COSMOS NATURAL)
COSMOS ist der europäische Harmonisierungsstandard, der die nationalen Siegel BDIH (Deutschland), Ecocert und Cosmébio (Frankreich), ICEA (Italien) und Soil Association (Großbritannien) unter einem Dach vereint. Ein COSMOS-ORGANIC-Siegel bedeutet, dass mindestens 95 Prozent der pflanzlichen Inhaltsstoffe aus biologischem Anbau stammen. COSMOS-NATURAL erlaubt konventionelle pflanzliche Rohstoffe, verbietet aber dieselben synthetischen Substanzen.
Ecocert
Ursprünglich ein französisches Zertifizierungssystem, ist Ecocert heute international anerkannt und in Deutschland weit verbreitet. Die Kriterien ähneln denen des COSMOS-Standards, da Ecocert maßgeblich an dessen Entwicklung beteiligt war. Ein Ecocert-Siegel garantiert einen Mindestanteil an natürlichen und biologischen Inhaltsstoffen und verbietet eine umfangreiche Liste synthetischer Substanzen.
Demeter
Das Demeter-Siegel geht über konventionellen Bio-Anbau hinaus und zertifiziert Produkte aus biodynamischer Landwirtschaft. In der Kosmetik ist Demeter eher selten, aber die wenigen Demeter-zertifizierten Produkte erfüllen die höchsten Standards in Bezug auf Rohstoffqualität und ökologische Produktion. Die Marke Dr. Hauschka arbeitet beispielsweise mit Demeter-zertifizierten Rohstoffen.
INCI-Liste lesen: Die wichtigsten Regeln
Die INCI-Liste (International Nomenclature of Cosmetic Ingredients) ist Ihr wichtigstes Werkzeug gegen Greenwashing. Hier sind die Grundregeln:
- Reihenfolge = Menge: Inhaltsstoffe sind absteigend nach ihrer Konzentration aufgelistet. Was oben steht, ist am meisten enthalten. Ab einer Konzentration unter einem Prozent kann die Reihenfolge variieren.
- Lateinische Namen = pflanzlich: Pflanzliche Inhaltsstoffe werden mit ihrem lateinischen Botanik-Namen aufgeführt (z.B. Butyrospermum Parkii für Sheabutter). Englische Bezeichnungen deuten auf synthetische oder verarbeitete Stoffe hin.
- Kurze Listen sind verdächtig kurz: Manchmal wird die INCI-Liste absichtlich vereinfacht dargestellt. Fragen Sie im Zweifel beim Hersteller nach der vollständigen Liste.
- „Parfum“ oder „Fragrance“ ist ein Sammelbegriff: Dahinter können sich Dutzende einzelne Duftstoffe verbergen, die nicht einzeln aufgelistet werden müssen. Echte Naturkosmetik verwendet ätherische Öle und deklariert diese transparent.
Vertrauenswürdige deutsche Naturkosmetik-Marken
Deutschland hat eine lange und starke Tradition in der Naturkosmetik. Diese Marken sind zertifiziert und haben sich über Jahre einen exzellenten Ruf erarbeitet:
- Dr. Hauschka (Schwäbische Alb): Anthroposophische Naturkosmetik mit Demeter-Rohstoffen, NATRUE-zertifiziert
- Weleda (Schwäbisch Gmünd): Seit 1921, NATRUE-zertifiziert, weltweit bekannt
- Lavera (Hannover): Breites Sortiment, NATRUE-zertifiziert, in jeder Drogerie erhältlich
- Annemarie Börlind (Schwarzwald): Premium-Naturkosmetik mit eigener Quelle
- Speick (Leinfelden): Traditionsmarke seit 1928, COSMOS-zertifiziert
- i+m Naturkosmetik (Berlin): Fair, vegan, COSMOS-zertifiziert
- Martina Gebhardt (Bayern): Biodynamische Kosmetik, Demeter-zertifiziert
- Sante (Hannover): NATRUE-zertifiziert, in Bioläden und Drogerien erhältlich
- Logona (Hannover): Schwestermarke von Sante, NATRUE-zertifiziert
Preisvergleich: Clean Beauty vs. Greenwashing vs. echte Naturkosmetik
Ein häufiges Argument gegen echte Naturkosmetik ist der vermeintlich höhere Preis. Doch stimmt das wirklich? Ein Vergleich am Beispiel einer Feuchtigkeitscreme (50 ml):
- Konventionelle Creme (Nivea, Dove): 3-8 Euro
- „Clean Beauty“-Marke (selbst deklariert, ohne Siegel): 15-35 Euro
- Zertifizierte Naturkosmetik Drogerie (Lavera, Sante): 5-12 Euro
- Zertifizierte Naturkosmetik Premium (Dr. Hauschka, Weleda): 15-30 Euro
- Premium Clean Beauty international (Drunk Elephant, Tatcha): 40-80 Euro
Die Überraschung: Zertifizierte deutsche Naturkosmetik aus der Drogerie ist oft günstiger als selbst deklarierte „Clean Beauty“-Produkte internationaler Marken – und dabei nachweislich strenger kontrolliert. Eine Lavera-Tagescreme für 7 Euro kann in puncto Inhaltsstoffe mit einem 50-Euro-Produkt einer hippen Clean-Beauty-Marke mithalten – mit dem Unterschied, dass die Lavera-Creme NATRUE-zertifiziert ist und die andere nicht.
Praktische Tipps: So schützen Sie sich vor Greenwashing
- Siegel prüfen: Nur unabhängige Zertifizierungen (NATRUE, BDIH, COSMOS, Ecocert, Demeter) bieten echte Sicherheit. Hauseigene Siegel sind wertlos.
- INCI-Liste lesen: Wenn Aqua, Paraffinum Liquidum oder Dimethicone unter den ersten fünf Inhaltsstoffen stehen, ist das Produkt nicht natürlich – egal, was die Verpackung verspricht.
- Apps nutzen: CodeCheck und ToxFox (BUND) bewerten Inhaltsstoffe per Barcode-Scan direkt im Laden.
- Claims hinterfragen: „Frei von“ ist nur dann relevant, wenn der genannte Stoff in der Produktkategorie üblich ist. „Ohne Parabene“ in einem Lippenstift ist Marketing, nicht Mehrwert.
- Gesamtbild betrachten: Wie transparent ist die Marke? Veröffentlicht sie ihre vollständigen Inhaltsstofflisten, Herkunftsnachweise und Produktionsbedingungen?
- Beim Preis realistisch bleiben: Echte Naturkosmetik muss nicht teuer sein. Wenn ein Produkt hauptsächlich für seinen Lifestyle-Faktor und die hübsche Verpackung einen Premiumpreis verlangt, zahlen Sie für Marketing – nicht für bessere Inhaltsstoffe.
Clean Beauty und echte Naturkosmetik sind wunderbare Konzepte, die unsere Haut und die Umwelt schützen können. Aber nur, wenn wir als Verbraucher lernen, hinter die grüne Fassade zu blicken und echte Qualität von geschicktem Marketing zu unterscheiden. Die gute Nachricht: In Deutschland haben wir mit unseren strengen Zertifizierungssystemen und einer vielfältigen Naturkosmetik-Landschaft die besten Voraussetzungen dafür.
