Blue Beauty: Ozeanfreundliche Kosmetik die Meer und Haut schützt

Die Schönheitsindustrie hat in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Wandel erlebt. Während sich viele Verbraucher bereits mit den Konzepten von Clean Beauty und nachhaltiger Kosmetik vertraut gemacht haben, geht eine neue Bewegung noch einen entscheidenden Schritt weiter: Blue Beauty. Dieser Trend stellt nicht nur die Hautgesundheit in den Mittelpunkt, sondern widmet sich dem Schutz unserer Ozeane und Gewässer – einem Ökosystem, das durch herkömmliche Kosmetikprodukte stärker bedroht ist, als die meisten von uns ahnen.

Was genau ist Blue Beauty?

Blue Beauty ist eine ganzheitliche Philosophie innerhalb der Kosmetikbranche, die den gesamten Lebenszyklus eines Produkts betrachtet – von der Gewinnung der Inhaltsstoffe über die Herstellung und Verpackung bis hin zur Entsorgung. Im Kern geht es darum, dass kein Schritt in der Wertschöpfungskette den Ozeanen, Flüssen oder Seen schadet. Das unterscheidet Blue Beauty grundlegend von anderen Nachhaltigkeitsbewegungen: Der Fokus liegt explizit auf dem Schutz aquatischer Ökosysteme.

Die Bezeichnung wurde maßgeblich von der amerikanischen Unternehmerin Jeannie Jarnot geprägt, die mit ihrer Plattform „Beauty Heroes“ Marken hervorhebt, die sich aktiv für den Schutz der Meere einsetzen. Seit 2020 hat die Bewegung auch in Europa und speziell in Deutschland erheblich an Dynamik gewonnen.

Warum unsere Meere Schutz brauchen – die Zahlen

Jeden Tag gelangen weltweit Millionen Liter an Kosmetikrückständen in unsere Gewässer. Was beim Duschen, Händewaschen oder Abschminken in den Abfluss fließt, endet letztlich in Flüssen und Meeren. Die Konsequenzen sind dramatisch:

  • Oxybenzon und Octinoxat, zwei häufig verwendete UV-Filter in konventionellen Sonnencremes, verursachen nachweislich Korallenbleiche. Bereits eine Konzentration von 62 Teilen pro Billion reicht aus, um Korallen zu schädigen.
  • Mikroplastik aus Peelings, Zahnpasta und Duschgels wird von Meereslebewesen aufgenommen und gelangt so in die Nahrungskette – bis zurück auf unseren Teller.
  • Silikone und synthetische Polymere bilden Filme auf Wasseroberflächen, die den Gasaustausch behindern und Lebensräume zerstören.
  • Chemische Konservierungsstoffe wie Parabene werden in Meeresorganismen nachgewiesen und können das Hormonsystem von Fischen und Säugetieren stören.

Allein in deutschen Gewässern wurden bei Untersuchungen des Umweltbundesamtes regelmäßig Rückstände von kosmetischen Inhaltsstoffen gefunden. Die Kläranlagen können viele dieser Substanzen nicht vollständig herausfiltern.

Die Grundpfeiler der Blue-Beauty-Bewegung

1. Rifffreundlicher Sonnenschutz

Sonnencreme ist einer der größten Übeltäter, wenn es um die Verschmutzung der Meere durch Kosmetik geht. Schätzungen zufolge landen jährlich bis zu 14.000 Tonnen Sonnencreme in den Weltmeeren. Blue Beauty setzt hier auf mineralische UV-Filter wie Zinkoxid und Titandioxid, die als rifffreundlich gelten und nicht von Korallen aufgenommen werden.

In Deutschland bieten Marken wie Eco Cosmetics, Speick und Weleda mineralische Sonnencremes an, die den strengen Anforderungen der Blue-Beauty-Philosophie entsprechen. Achten Sie beim Kauf auf das Label „reef safe“ oder „reef friendly“ – allerdings sind diese Begriffe bislang nicht gesetzlich geschützt, weshalb ein Blick auf die INCI-Liste unerlässlich bleibt.

2. Plastikfreie und nachhaltige Verpackungen

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Verpackung. Jährlich produziert die globale Kosmetikindustrie über 120 Milliarden Einheiten an Verpackungsmaterial, von denen ein Großteil nicht recycelt wird und in den Ozeanen landet. Blue-Beauty-Marken setzen auf:

  • Verpackungen aus Meeresplastik (aus dem Meer gesammelter Kunststoff, der recycelt wird)
  • Glas, Aluminium und Bambusverpackungen, die endlos recycelbar sind
  • Nachfüllsysteme, die den Verpackungsmüll drastisch reduzieren
  • Feste Kosmetik (Shampoo-Bars, feste Gesichtsreiniger), die gar keine Plastikverpackung benötigen

Das Hamburger Unternehmen Stop The Water While Using Me ist ein Paradebeispiel für ozeanfreundliche Verpackungskonzepte in Deutschland. Auch Lamazuna aus Frankreich, das mittlerweile in vielen deutschen Drogerien erhältlich ist, setzt konsequent auf Zero-Waste-Verpackungen.

3. Nachhaltig gewonnene marine Inhaltsstoffe

Paradoxerweise nutzt Blue Beauty häufig Inhaltsstoffe aus dem Meer selbst – jedoch auf nachhaltige und verantwortungsvolle Weise. Zu den beliebtesten marinen Wirkstoffen gehören:

  • Meeresalgen (Kelp, Spirulina, Chlorella): Reich an Antioxidantien, Mineralien und Vitaminen, die die Hautbarriere stärken
  • Meersalz und Meerwasser-Mineralien: Natürliche Peelingwirkung und mineralische Versorgung der Haut
  • Seetang-Extrakte: Hervorragende feuchtigkeitsbindende Eigenschaften, die mit Hyaluronsäure vergleichbar sind
  • Meereskollagen (aus nachhaltiger Fischerei): Alternative zu bovinem Kollagen für Anti-Aging-Produkte

Wichtig ist hierbei die Herkunft: Zertifizierte Blue-Beauty-Marken beziehen ihre marinen Rohstoffe aus kontrollierten Aquakulturen oder wilden Beständen, die nach ökologischen Standards geerntet werden. Die deutsche Marke Oceanwell aus Kiel ist hier Vorreiter und nutzt Algen aus der Kieler Förde, die in eigenen Meeresgärten kultiviert werden.

Brands, die den Blue-Beauty-Trend anführen

Internationale Vorreiter

REN Clean Skincare hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 komplett plastikfrei zu sein und verwendet bereits jetzt Verpackungen aus Meeresplastik. Biossance setzt auf nachhaltig gewonnenes Squalan aus Zuckerrohr statt aus Haifischleber – ein klassisches Beispiel für die Blue-Beauty-Philosophie. One Ocean Beauty nutzt biotechnologisch gewonnene marine Wirkstoffe, ohne dem Meer etwas zu entnehmen.

Deutsche und europäische Marken

In Deutschland haben sich mehrere Marken der Blue-Beauty-Philosophie verschrieben:

  • Oceanwell (Kiel): Pionier der marinen Naturkosmetik mit eigener Algenforschung
  • Eco Cosmetics: Vegane, rifffreundliche Sonnenpflege aus Deutschland
  • Speick Naturkosmetik: Traditionsmarke mit ozeanfreundlichen Formulierungen
  • i+m Naturkosmetik Berlin: Fair-Trade-zertifiziert mit Fokus auf Gewässerschutz
  • Hands on Veggies (Österreich): Bio-Kosmetik in kompostierbaren Verpackungen

So erkennst du echte Blue-Beauty-Produkte

Da „Blue Beauty“ kein geschützter Begriff ist, gibt es leider auch hier Greenwashing. Mit diesen Tipps können Sie echte ozeanfreundliche Kosmetik identifizieren:

Auf der Verpackung prüfen

  • Keine Oxybenzon, Octinoxat, Octocrylat oder 4-Methylbenzyliden-Campher in der INCI-Liste
  • Frei von Mikroplastik (Polyethylen/PE, Polypropylen/PP, Polymethylmethacrylat/PMMA)
  • Keine Silikone (Dimethicone, Cyclomethicone und ähnliche auf -cone endende Stoffe)
  • Verzicht auf synthetische Duftstoffe, die in Gewässern nicht abgebaut werden

Zertifizierungen beachten

Obwohl es noch kein spezifisches „Blue Beauty“-Siegel gibt, bieten diese Zertifizierungen Orientierung:

  • NATRUE: Strenges europäisches Naturkosmetik-Siegel
  • BDIH / COSMOS: Verbietet viele gewässerschädliche Inhaltsstoffe
  • Leaping Bunny / PETA: Tierversuchsfrei, was oft mit ozeanfreundlicher Produktion einhergeht
  • Protect Land + Sea: Spezielles Siegel für rifffreundliche Produkte

Blue Beauty im Alltag umsetzen: Praktische Tipps

Der Umstieg auf eine ozeanfreundliche Beauty-Routine muss nicht von heute auf morgen erfolgen. Beginnen Sie mit diesen Schritten:

Schritt 1: Die Sonnencreme wechseln

Dies ist der wirkungsvollste einzelne Schritt. Ersetzen Sie Ihre chemische Sonnencreme durch eine mineralische Alternative. In Deutschland finden Sie diese in Drogerien wie dm, Rossmann und in Bioläden wie Alnatura oder denn’s.

Schritt 2: Peelings überdenken

Verabschieden Sie sich von Peelings mit Mikroplastikpartikeln. Natürliche Alternativen wie Zucker, Meersalz, gemahlene Aprikosenkerne oder Haferflocken reinigen die Haut ebenso effektiv, ohne die Umwelt zu belasten.

Schritt 3: Verpackung reduzieren

Testen Sie feste Kosmetikprodukte: Shampoo-Bars, feste Conditioner, Reinigungsbars für das Gesicht. Diese kommen meist ohne Plastikverpackung aus und halten deutlich länger als ihre flüssigen Pendants.

Schritt 4: Inhaltsstoffe recherchieren

Apps wie CodeCheck oder ToxFox vom BUND helfen Ihnen, problematische Inhaltsstoffe direkt beim Einkauf zu identifizieren. Einfach den Barcode scannen und die Bewertung lesen.

Die Zukunft von Blue Beauty

Die Blue-Beauty-Bewegung steht noch am Anfang, gewinnt aber rasant an Bedeutung. Experten prognostizieren, dass ozeanfreundliche Kosmetik bis 2028 einen Marktanteil von über 15 Prozent im Premiumsegment erreichen wird. In Deutschland treiben insbesondere das wachsende Umweltbewusstsein der Verbraucher und die strengeren EU-Regulierungen bezüglich Mikroplastik und chemischer UV-Filter diese Entwicklung voran.

Die EU hat bereits angekündigt, den Einsatz von bewusst zugesetztem Mikroplastik in Kosmetika schrittweise zu verbieten – ein Schritt, den Blue-Beauty-Befürworter seit Jahren fordern. Auch die Nachfrage nach rifffreundlichem Sonnenschutz wächst stetig, nicht zuletzt beeinflusst durch Verbote chemischer Sonnencremes in Urlaubsdestinationen wie Hawaii, Palau und Teilen Thailands.

Blue Beauty zeigt uns, dass Schönheitspflege und Umweltschutz keine Gegensätze sein müssen. Jedes Produkt, das wir bewusst wählen, ist ein kleiner Beitrag zum Schutz der Weltmeere – und damit letztlich auch zum Schutz unserer eigenen Gesundheit. Denn was dem Meer schadet, schadet über kurz oder lang auch uns.

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