Kollagen-Drinks sind seit einigen Jahren das Trendprodukt in der Beauty-Branche. Von Influencerinnen über Dermatologen bis hin zu Prominenten – alle scheinen auf die kleinen Fläschchen oder Pulver zu schwören, die jugendliche, straffe Haut von innen versprechen. Doch was sagt die Wissenschaft dazu? Können oral eingenommene Kollagenpräparate tatsächlich die Hautqualität verbessern, oder handelt es sich um einen teuren Placebo-Effekt? In diesem umfassenden Artikel werfen wir einen kritischen Blick auf die Forschungslage, vergleichen verschiedene Kollagentypen und Produkte und geben Ihnen alle Informationen an die Hand, die Sie für eine fundierte Entscheidung brauchen.
Kollagen: Das Gerüstprotein unserer Haut
Kollagen ist das häufigste Protein im menschlichen Körper und macht etwa 75 bis 80 Prozent der Trockenmasse unserer Haut aus. Es bildet ein dichtes Netzwerk aus Fasern, das der Haut ihre Festigkeit, Elastizität und Struktur verleiht. Man kann sich Kollagen als das „Gerüst“ vorstellen, das die Haut von innen stützt.
Ab dem 25. Lebensjahr beginnt die körpereigene Kollagenproduktion jedoch zu sinken – um etwa ein bis anderthalb Prozent pro Jahr. Zusätzlich beschleunigen Faktoren wie UV-Strahlung, Rauchen, Zucker, Schlafmangel und chronischer Stress den Kollagenabbau. Das Ergebnis: Die Haut verliert an Volumen, Fältchen entstehen, und der Teint wirkt weniger prall und strahlend.
Die verschiedenen Kollagentypen
Im menschlichen Körper gibt es mindestens 28 verschiedene Kollagentypen, von denen für die Haut vor allem folgende relevant sind:
- Typ I: Macht etwa 80 Prozent des Hautkollagens aus. Verantwortlich für Festigkeit und Struktur. Nimmt mit dem Alter am stärksten ab
- Typ III: Etwa 15 Prozent des Hautkollagens. Wichtig für die Elastizität und die Unterstützung von Blutgefäßen in der Haut
- Typ IV: Befindet sich in der Basalmembran, der Schicht zwischen Epidermis und Dermis. Wichtig für die Verankerung der Hautschichten
Die meisten Kollagen-Drinks enthalten hydrolysiertes Kollagen (auch Kollagenpeptide genannt), bei dem die großen Kollagenmoleküle durch enzymatische Prozesse in kleine Peptide aufgespalten werden. Diese kleinen Peptide haben ein Molekulargewicht von typischerweise 2.000 bis 5.000 Dalton und können vom Darm wesentlich besser aufgenommen werden als intaktes Kollagen.
Funktioniert es wirklich? Die wissenschaftliche Evidenz
Die zentrale Frage lautet: Können oral eingenommene Kollagenpeptide tatsächlich die Haut erreichen und dort eine Wirkung entfalten? Lange Zeit war die wissenschaftliche Gemeinschaft skeptisch. Das Argument: Kollagen wird im Verdauungstrakt in einzelne Aminosäuren zerlegt und verliert dabei seine Struktur – wie sollte es also gezielt in der Haut wirken?
Neuere Forschungen haben dieses Bild jedoch differenziert. Studien mit radioaktiv markierten Kollagenpeptiden zeigen, dass nicht alle Peptide vollständig in einzelne Aminosäuren zerlegt werden. Ein Teil der Di- und Tripeptide (insbesondere Prolyl-Hydroxyprolin und Hydroxyprolyl-Glycin) wird intakt absorbiert und gelangt tatsächlich in die Haut, wo sie die Fibroblasten – die kollagenproduzierenden Zellen – stimulieren können.
Wichtige Studien im Überblick
Mehrere randomisierte, placebokontrollierte Studien liefern vielversprechende Ergebnisse:
- Proksch et al. (2014): 69 Frauen (35–55 Jahre) nahmen 8 Wochen lang täglich 2,5 g oder 5 g Kollagenpeptide ein. Ergebnis: Die Hautelastizität verbesserte sich signifikant gegenüber der Placebogruppe, besonders bei der älteren Gruppe (über 49 Jahre)
- Asserin et al. (2015): 106 Frauen erhielten 8 Wochen lang 10 g hydrolysiertes Kollagen. Die Studie zeigte eine signifikante Zunahme der Hautfeuchtigkeit und der Kollagendichte in der Dermis
- Bolke et al. (2019): Eine systematische Überprüfung von 11 Studien mit insgesamt 805 Teilnehmern kam zu dem Schluss, dass die orale Supplementierung mit Kollagenpeptiden die Hautfeuchtigkeit, Elastizität und Faltentiefe positiv beeinflusst
- De Miranda et al. (2021): Eine umfassende Metaanalyse bestätigte, dass Kollagensupplemente die Hautalterungszeichen verbessern können, mit den deutlichsten Effekten nach mindestens 90 Tagen Einnahme
Es gibt allerdings auch Einschränkungen: Viele Studien wurden von der Kollagen-Industrie finanziert, die Teilnehmergruppen sind oft klein, und die Methoden zur Messung der Hautqualität variieren stark.
Marine vs. Bovine: Welches Kollagen ist besser?
Auf dem Markt dominieren zwei Kollagenquellen: marines Kollagen (aus Fischhaut und -schuppen) und bovines Kollagen (aus Rinderhaut und -knochen). Beide haben ihre Vor- und Nachteile:
Marines Kollagen
- Enthält hauptsächlich Typ-I-Kollagen (das relevanteste für die Haut)
- Kleinere Peptidgröße, dadurch möglicherweise bessere Bioverfügbarkeit
- Für Pescetarier geeignet
- Oft teurer als bovines Kollagen
- Kann bei Fischallergie problematisch sein
- Nachhaltigkeitsaspekt: Idealerweise aus Nebenströmen der Fischverarbeitung
Bovines Kollagen
- Enthält sowohl Typ-I- als auch Typ-III-Kollagen
- Günstigerer Preis
- Breiteres Aminosäureprofil
- Bei Weidetierhaltung gute Qualität
- Nicht für Pescetarier oder Personen mit religiösen Einschränkungen geeignet
Aus rein wissenschaftlicher Sicht gibt es keine eindeutigen Belege dafür, dass eine Quelle der anderen signifikant überlegen ist. Entscheidender als die Quelle ist die Qualität des Hydrolysats und die Peptidgröße.
Der beste Zeitpunkt für die Einnahme
Über den optimalen Einnahmezeitpunkt gibt es verschiedene Meinungen. Die meisten Experten empfehlen:
- Morgens auf nüchternen Magen: Bessere Absorption, da keine Konkurrenz mit anderen Proteinen aus der Nahrung
- Abends vor dem Schlafengehen: Die Haut repariert sich nachts am intensivsten, sodass die Kollagenpeptide dann besonders gut genutzt werden könnten
- Zusammen mit Vitamin C: Vitamin C ist essenziell für die Kollagensynthese. Die Kombination kann die Wirksamkeit der Kollagenpeptide verstärken
Eine feste Regel gibt es jedoch nicht. Wichtiger als der Zeitpunkt ist die Regelmäßigkeit der Einnahme.
Beliebte Kollagen-Produkte in Deutschland
Der deutsche Markt bietet mittlerweile eine große Auswahl an Kollagenprodukten. Hier einige der bekanntesten Marken und Produkte:
- ELASTEN: Eines der bekanntesten Kollagen-Trinkampullen in Deutschland, mit klinischen Studien untermauert. Enthält marines Kollagenpeptide, Vitamin C und Zink. Erhältlich in Apotheken
- Doppelherz Kollagen Beauty: Trinkfläschchen mit Kollagenpeptiden, Hyaluronsäure und Vitaminen. Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, erhältlich in Drogeriemärkten
- Primal State Kollagen: Hochwertiges Kollagenhydrolysat aus Weidehaltung als Pulver. Beliebt in der Biohacking-Community
- brandl Kollagen: Laborgeprüftes marines Kollagenpulver, transparent in der Herkunftsangabe
- natural elements Kollagen: Günstiges, hochwertiges Pulver mit guten Bewertungen. Online und in Drogeriemärkten erhältlich
Vegane Alternativen: Gibt es pflanzliches Kollagen?
Kollagen ist ein tierisches Protein – es gibt kein pflanzliches Kollagen. Allerdings gibt es sogenannte „Kollagen-Booster“, die die körpereigene Kollagenproduktion unterstützen sollen. Diese enthalten typischerweise:
- Vitamin C: Unentbehrlich für die Kollagensynthese
- Silizium: Aus Bambusextrakt oder Kieselsäure, unterstützt die Kollagenbildung
- Aminosäuren: Lysin und Prolin aus pflanzlichen Quellen
- Antioxidantien: Aus Beeren, Traubenkernextrakt oder grünem Tee
- Hyaluronsäure: Mittlerweile biotechnologisch (vegan) herstellbar
Zudem arbeiten Unternehmen weltweit an der Herstellung von rekombinantem Kollagen mithilfe von genetisch veränderten Hefen oder Bakterien. Diese Technologie steckt noch in den Kinderschuhen, könnte aber in den kommenden Jahren eine echte vegane Alternative zu tierischem Kollagen bieten.
Realistische Erwartungen: Was Kollagen kann und was nicht
Es ist wichtig, die Erwartungen realistisch zu halten. Kollagen-Drinks können bei regelmäßiger Einnahme über einen Zeitraum von mindestens acht bis zwölf Wochen folgende Verbesserungen zeigen:
- Verbesserte Hautfeuchtigkeit
- Leicht erhöhte Hautelastizität
- Geringfügige Reduktion feiner Linien
- Insgesamt frischerer, prallerem Teint
Was Kollagen-Drinks jedoch nicht können:
- Tiefe Falten vollständig beseitigen
- Die Wirkung eines Faceliftings ersetzen
- Gegen genetisch bedingte Hautalterung ankämpfen
- Schäden durch jahrelange UV-Exposition rückgängig machen
Kostenanalyse: Lohnt sich die Investition?
Kollagen-Drinks sind nicht günstig. Je nach Produkt liegen die monatlichen Kosten zwischen 30 und 90 Euro. Bei einer empfohlenen Einnahmedauer von mindestens drei Monaten summiert sich das schnell. Fragen Sie sich deshalb:
- Haben Sie bereits die Grundlagen abgedeckt (Sonnenschutz, Retinol, Vitamin C in der topischen Pflege)?
- Ernähren Sie sich ausgewogen mit ausreichend Protein?
- Schlafen Sie genug und managen Sie Ihren Stress?
Wenn ja, können Kollagen-Drinks eine sinnvolle Ergänzung sein. Wenn nein, investieren Sie das Geld zunächst in diese fundamentaleren Bereiche.
Fazit: Hype mit wissenschaftlichem Kern
Die Wissenschaft hinter Kollagen-Drinks ist vielversprechender, als Skeptiker lange angenommen haben. Es gibt solide Hinweise darauf, dass hydrolysierte Kollagenpeptide oral aufgenommen werden, die Haut erreichen und dort messbare Verbesserungen bewirken können. Allerdings sind die Effekte moderat, nicht spektakulär, und erfordern eine konsequente, langfristige Einnahme. Kollagen-Drinks sind kein Wundermittel, aber ein wissenschaftlich fundierter Baustein in einer ganzheitlichen Beauty-Strategie. Wählen Sie ein qualitativ hochwertiges Produkt, nehmen Sie es regelmäßig ein, und geben Sie Ihrem Körper mindestens drei Monate Zeit, bevor Sie die Ergebnisse beurteilen.
