Retinol vs. Bakuchiol vs. Retinal: Der große Wirkstoff-Vergleich

Die Retinoid-Familie: Der mächtigste Anti-Aging-Wirkstoff der Welt

Kein anderer Wirkstoff in der Hautpflege hat so viel wissenschaftliche Evidenz hinter sich wie die Retinoide. Seit über 50 Jahren werden sie in der Dermatologie eingesetzt, und ihre Wirksamkeit gegen Falten, Pigmentflecken, Akne und ungleichmäßigen Hautton ist in Hunderten von Studien belegt. Doch die Retinoid-Familie ist groß und unübersichtlich: Retinol, Retinal, Retinsaure, Retinylpalmitat – und dann ist da noch Bakuchiol, die pflanzliche Alternative. In diesem umfassenden Vergleich erklären wir dir jeden Wirkstoff, seine Stärken und Schwächen, und helfen dir, die richtige Wahl für deine Haut zu treffen.

Die Retinoid-Familie: Wer ist wer?

Alle Retinoide sind Formen von Vitamin A. Sie unterscheiden sich in ihrer Potenz, Verträglichkeit und Verfügbarkeit. Der entscheidende Punkt: Alle Retinoide müssen in der Haut zu Retinsaure (Tretinoin) umgewandelt werden, um wirksam zu sein. Je mehr Umwandlungsschritte nötig sind, desto schwächer ist die Wirkung – aber desto verträglicher ist der Wirkstoff.

Retinylpalmitat und Retinylacetat: Die Einstiegs-Retinoide

Diese Retinyl-Ester sind die mildesten Formen. Sie müssen in der Haut erst zu Retinol, dann zu Retinal und schließlich zu Retinsaure umgewandelt werden – drei Umwandlungsschritte. Die Wirkung ist daher am schwächsten, aber die Verträglichkeit am höchsten.

Geeignet für: Absolute Anfänger, sehr empfindliche Haut, Einführung in die Retinoid-Welt. Viele Augencremes und „Anti-Aging für Einsteiger“-Produkte enthalten Retinylpalmitat.

Ehrliche Einschätzung: Die Wirksamkeit ist begrenzt. Studien zeigen zwar gewisse Verbesserungen, aber sie reichen nicht an Retinol oder Retinal heran. Wenn deine Haut nicht extrem empfindlich ist, überspringe diese Stufe und beginne direkt mit Retinol in niedriger Konzentration.

Retinol: Der Klassiker

Retinol ist der bekannteste und am häufigsten verwendete Retinoid in frei verkäuflichen Produkten. Es muss zwei Umwandlungsschritte durchlaufen (Retinol → Retinal → Retinsaure), was es wirksamer als Retinyl-Ester, aber milder als Retinal und Tretinoin macht.

Wirksamkeit: Sehr gut belegt. Retinol stimuliert die Kollagensynthese, beschleunigt die Zellerneuerung, reduziert feine Linien und Falten, hellt Pigmentflecken auf und verfeinert die Hautstruktur. Sichtbare Ergebnisse nach 12 bis 24 Wochen konsequenter Anwendung.

Nebenwirkungen: Die gefürchtete Retinisierung – Trockenheit, Schuppigkeit, Rötungen und Empfindlichkeit in den ersten Wochen der Anwendung. Diese Phase dauert typischerweise zwei bis sechs Wochen und legt sich mit zunehmender Gewöhnung.

Konzentrationen: 0,01 bis 1 Prozent. Einsteiger sollten mit 0,1 bis 0,3 Prozent beginnen und sich langsam steigern. Die meisten dermatologisch empfohlenen Produkte enthalten 0,3 bis 0,5 Prozent.

Retinal (Retinaldehyd): Der starke Bruder

Retinal ist die unmittelbare Vorstufe der Retinsaure und muss nur einen Umwandlungsschritt durchlaufen. Das macht es etwa 11-mal wirksamer als Retinol bei gleichzeitig besserer Verträglichkeit, als man bei dieser Potenz erwarten würde.

Ja, du hast richtig gelesen: Retinal ist nicht nur stärker, sondern kann sogar besser verträglich sein als Retinol. Warum? Retinol muss zunächst oxidiert werden (was freie Radikale erzeugen und irritieren kann), bevor es zu Retinal wird. Retinal überspringt diesen potenziell irritierenden Schritt. Außerdem hat Retinal eine antibakterielle Wirkung, die bei Retinol fehlt – ein Bonus für akneanfällige Haut.

Konzentrationen: 0,025 bis 0,1 Prozent. Aufgrund der höheren Potenz sind niedrigere Konzentrationen als bei Retinol ausreichend. 0,05 Prozent Retinal ist vergleichbar mit etwa 0,5 Prozent Retinol.

Nachteil: Retinal ist instabiler als Retinol und empfindlicher gegenüber Licht und Luft. Produkte müssen in lichtgeschützten, luftdichten Verpackungen aufbewahrt werden. Außerdem sind Retinal-Produkte tendenziell teurer und das Angebot ist kleiner.

Retinsaure (Tretinoin): Der verschreibungspflichtige Goldstandard

Tretinoin ist die aktive Form – kein Umwandlungsschritt nötig. Es wirkt direkt auf die Zellen und ist der potenteste Retinoid-Wirkstoff. In Deutschland ist Tretinoin verschreibungspflichtig und nur über den Hautarzt erhältlich (z. B. als Akne-Medikament unter dem Namen Cordes VAS oder Airol).

Wirksamkeit: Unangefochten die höchste aller Retinoide. Studien mit Tretinoin zeigen dramatische Verbesserungen bei Falten, Pigmentflecken und Akne. Es ist der einzige topische Wirkstoff, für den langfristige Studien (über Jahre) konsistente Anti-Aging-Effekte nachweisen.

Nebenwirkungen: Die Retinisierung ist stärker und länger als bei Retinol. Trockenheit, Schuppigkeit und Rötungen können vier bis zwölf Wochen anhalten. Eine langsame Eindosierung unter ärztlicher Aufsicht ist zwingend empfohlen.

Bakuchiol: Die pflanzliche Alternative

Bakuchiol ist ein Meroterpeno, das aus den Samen und Blättern der Babchi-Pflanze (Psoralea corylifolia) gewonnen wird. Es ist chemisch nicht mit Retinoiden verwandt, aktiviert aber ähnliche Signalwege in der Haut – insbesondere die Gene für Kollagen I, III und IV.

Die Schlüsselstudie, die Bakuchiol bekannt machte, wurde 2019 im British Journal of Dermatology veröffentlicht. Sie verglich 0,5 Prozent Bakuchiol (zweimal täglich) mit 0,5 Prozent Retinol (einmal täglich) über 12 Wochen. Das Ergebnis: Beide Gruppen zeigten vergleichbare Verbesserungen bei Falten, Pigmentierung und Gesamterscheinung der Haut. Der entscheidende Unterschied: Die Bakuchiol-Gruppe berichtete signifikant weniger Nebenwirkungen.

Vorteile von Bakuchiol

  • Keine Retinisierung: Kein Peeling, keine Trockenheit, keine Rötungen bei der Einführung
  • Sonnenlicht-stabil: Kann auch morgens verwendet werden (Retinol wird durch UV-Licht abgebaut)
  • Antioxidativ und entzündungshemmend: Zusätzliche Schutzwirkung, die Retinol nicht bietet
  • Schwangerschaftssicher: Siehe Abschnitt unten
  • Kombinierbar mit allen Wirkstoffen: Keine Inkompatibilitäten bekannt

Nachteile von Bakuchiol

  • Weniger Evidenz: Deutlich weniger Studien als zu Retinoiden (Jahrzehnte vs. wenige Jahre)
  • Langzeitwirkung unklar: Keine Studien über mehr als 24 Wochen verfügbar
  • Niedrigere Potenz: Bei gleicher Konzentration schwächer als Retinal oder Tretinoin
  • Keine Akne-Zulassung: Im Gegensatz zu Tretinoin nicht als Akne-Medikament anerkannt

Der große Vergleich: Head-to-Head

Potenz-Ranking (stärkster zuerst)

  1. Tretinoin (verschreibungspflichtig) – direkte Wirkung
  2. Retinal – 11x wirksamer als Retinol
  3. Retinol – der Mittelweg
  4. Bakuchiol – vergleichbar mit niedrig dosiertem Retinol
  5. Retinylpalmitat – die schwächste Option

Verträglichkeits-Ranking (verträglichster zuerst)

  1. Bakuchiol – keine typischen Nebenwirkungen
  2. Retinylpalmitat – sehr mild
  3. Retinal – besser verträglich als erwartet
  4. Retinol – Retinisierung wahrscheinlich
  5. Tretinoin – stärkste Nebenwirkungen

Schwangerschaft und Stillzeit: Ein kritisches Thema

Retinoide sind in der Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert. Orale Retinoide (wie Isotretinoin/Aknenormin) sind bekannte Teratogene – sie können schwere Fehlbildungen beim Ungeborenen verursachen. Für topische Retinoide (Retinol, Retinal, Tretinoin) gibt es keine Studien, die ein Risiko nachweisen, aber aus Vorsichtsprinzip wird von der Anwendung abgeraten.

Bakuchiol gilt als sicher in der Schwangerschaft, da es kein Retinoid ist und nicht die gleichen biologischen Wirkungen auf den Fötus hat. Es gibt allerdings keine spezifischen Studien zur Sicherheit in der Schwangerschaft. Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte auch Bakuchiol mit dem Frauenarzt besprechen. In der Praxis wird Bakuchiol jedoch häufig als Alternative für Schwangere empfohlen, die ihre Anti-Aging-Routine fortsetzen möchten.

Kombinations-Strategien: Retinol und Bakuchiol zusammen?

Eine spannende Entwicklung in der Hautpflege ist die Kombination von Retinol und Bakuchiol in einem Produkt. Studien zeigen, dass Bakuchiol die Stabilität von Retinol verbessern und gleichzeitig die Nebenwirkungen reduzieren kann. Die entzündungshemmenden Eigenschaften von Bakuchiol puffern die irritierende Wirkung des Retinols ab, während beide Wirkstoffe synergistisch die Kollagensynthese stimulieren.

Diese Kombination ist ideal für:

  • Retinol-Einsteiger, die die Gewöhnungsphase abmildern wollen
  • Empfindliche Haut, die Retinol allein nicht verträgt
  • Alle, die maximale Anti-Aging-Wirkung bei minimaler Irritation suchen

Produktempfehlungen für deutsche Apotheken und Drogerien

Retinol-Produkte

  • La Roche-Posay Retinol B3 Serum (Apotheke, ca. 38 €) – 0,3% Retinol + Niacinamid, sehr gut verträglich, ideal für Einsteiger
  • Eucerin Hyaluron-Filler + Elasticity Vitamin C Booster (Apotheke, ca. 25 €) – Retinol in Anti-Aging-Formel
  • The Ordinary Retinol 0,5% in Squalane (Douglas/Flaconi, ca. 7 €) – Pures Retinol in pflegendem Squalan, Budget-Option
  • Balea Vital Intensiv Nachtcreme (dm, ca. 6 €) – Retinol für Einsteiger, sehr günstiger Einstieg
  • CeraVe Anti-Aging Retinol Serum (Apotheke, ca. 18 €) – Retinol mit Ceramiden und Niacinamid, barriereschonend

Retinal-Produkte

  • Avene A-Oxitive Nacht-Peeling-Creme (Apotheke, ca. 28 €) – Retinal in einer sanften Formulierung
  • Geek & Gorgeous A-Game 5 (online, ca. 14 €) – 0,05% Retinal, hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Medik8 Crystal Retinal (online/Douglas, ca. 55 €) – In verschiedenen Stärken (1, 3, 6, 10, 20), progressive Steigerung möglich

Bakuchiol-Produkte

  • Balea Natural Beauty Anti-Aging Serum mit Bakuchiol (dm, ca. 8 €) – Budget-Option aus der Drogerie
  • Bybi Bakuchiol Booster (online, ca. 16 €) – Reines Bakuchiol-Öl, vegan und clean
  • Herbivore Botanicals Bakuchiol Retinol Alternative Serum (Douglas, ca. 55 €) – Luxus-Option mit zusätzlichen pflanzlichen Wirkstoffen

Kombinations-Produkte (Retinol + Bakuchiol)

  • The Inkey List Retinol Serum (Douglas, ca. 12 €) – Retinol + Bakuchiol + Squalan
  • Drunk Elephant A-Passioni Retinol Cream (Sephora, ca. 72 €) – 1% Retinol + pflanzliche Extrakte

Wer sollte was verwenden? Die Entscheidungshilfe

Wähle Bakuchiol, wenn du:

  • Schwanger bist oder stillst
  • Sehr empfindliche Haut oder Rosazea hast
  • Retinoide nicht verträgst
  • Eine einfache, nebenwirkungsfreie Anti-Aging-Pflege suchst
  • Einen veganen, pflanzlichen Wirkstoff bevorzugst

Wähle Retinol, wenn du:

  • Nicht schwanger bist und eine bewährte Anti-Aging-Wirkung suchst
  • Bereit bist, eine Gewöhnungsphase in Kauf zu nehmen
  • Moderate Falten, Pigmentflecken oder unreine Haut hast
  • Ein breites Angebot an Produkten und Konzentrationen schätzt

Wähle Retinal, wenn du:

  • Retinol bereits gewohnt bist und eine Steigerung suchst
  • Maximale Wirkung ohne Rezept willst
  • Akne-neigende Haut hast (antibakterielle Wirkung)
  • Die Balance zwischen Potenz und Verträglichkeit suchst

Frage deinen Hautarzt nach Tretinoin, wenn du:

  • Ausgeprägte Falten oder Sonnenschaden hast
  • Akne medikamentös behandeln willst
  • Maximale, wissenschaftlich belegte Anti-Aging-Wirkung suchst
  • Bereit bist, eine intensivere Einführungsphase unter ärztlicher Aufsicht durchzumachen

Fazit: Es gibt nicht den einen besten Wirkstoff

Die Wahl zwischen Retinol, Bakuchiol und Retinal hängt von deiner individuellen Hautsituation, deiner Erfahrung mit aktiven Wirkstoffen und deinen Zielen ab. Für die meisten Menschen ist Retinol in niedriger Konzentration der beste Einstieg – es ist gut erforscht, breit verfügbar und effektiv. Wer die Verträglichkeitshürde scheut, findet in Bakuchiol eine valide Alternative mit weniger Nebenwirkungen. Und wer bereits Retinol-erfahren ist und die Wirkung steigern will, sollte sich Retinal genauer ansehen – die Zukunft der frei verkäuflichen Retinoide. Eines gilt jedoch für alle Optionen: Konsequenz ist der Schlüssel. Nur die regelmäßige, langfristige Anwendung über Monate und Jahre liefert die Ergebnisse, die in den Studien beschrieben werden. Beginne heute, bleibe dran, und deine Haut wird es dir danken.

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